Libellen Dortmund

Beim Themenabend der Lib’ELLEn am 20.06.2018 versuchte PD Dr. phil., Dr. theol. Michael Rasche, Dozent für Philosophie an der KU Eichstätt-Ingolstadt und Unternehmensberater, die Frage zu beantworten: „Das Christentum – warum steckt es in der Krise?“ Der Abend erwies sich als ein spannender und kurzweiliger Parforce-Ritt durch die Weltsicht der Menschen im Laufe der Jahrhunderte.

Im Mittelalter habe sich die Frage, ob es Gott gebe, gar nicht gestellt. Gott war omnipräsent, denn viele Naturphänomene wären sonst für die Menschen unerklärlich gewesen. Es gab den Kampf gegen das Böse für den Erhalt der gesamten Schöpfung. Seit dem 13. Jahrhundert bröckelte diese Sicht, spätestens mit der Renaissance und der Entdeckung der Naturgesetze schwand der Dämonenglaube. Die Reformation forderte, dass die Kirche den Menschen zu Gott führen müsse, und seitdem Calvin hohe ethische Forderungen an das Individuum stellte und der Erfolg im Diesseits das Wohlgefallen Gottes zeige, besann sich die Kirche auf die Ethik und forderte ein Leben nach strengen Regeln, z.B. Zölibat. Da die Bildung zunehmend gesellschaftlich forciert wurde, es die naturwissenschaftliche Erklärung der Welt gab und der Glaube an die Wunder schwand, konnte mit dem Absolutismus eine Gesellschaftsform entstehen, die ohne Gott insofern auskam, als der König an der Spitze der Gesellschaft stand. Im 18. Jahrhundert wurde Gott im Hier und Jetzt funktionslos (Atheisten), er wurde nur noch zur Erklärung vom Anfang und Ende der Welt gebraucht. Im Laufe der Zeit bekam die Frage nach dem Sinn von Leid immer mehr Bedeutung. Auch wenn in der Romantik die Sehnsucht nach der „alten Weltordnung“ thematisiert wurde, die Kirchen wieder mehr Zulauf hatten, sah sich der Mensch als Individuum. Nietzsche sagte: „Gott ist tot, wir haben ihn getötet.“

Wie soll es weitergehen? Das 20. Jahrhundert habe gezeigt, dass Ideologien wie der Kommunismus oder der Nationalsozialismus und andere Diktaturen keine „Erlösung“ gebracht hätten. Der Mensch als Individuum wolle sich verwirklichen können, stehe selbst im Vordergrund und nicht die Religion, sehe das Erreichte als „Authentizität“ und brauche keine Kirche, die Gehorsam fordere und diejenigen aussperre, die sich nicht an alle Regeln halten würden (s. Sexualmoral). Die Kirchen müssten ihre eigenen Strukturen hinterfragen und den Reformbedarf sehen. Gut besuchte Kirchentage allein seien kein Symptom für einen Glaubensaufbruch, sondern positive Massenpsychologie und ein hervorragendes Gemeinschaftserlebnis.

Viel zu schnell verging der Abend. Offensichtlich gibt es kein Patentrezept für die Lösung der oben gestellten Frage, aber für alle Zuhörer viel Stoff zum Nachdenken.

Warum steckt das Christentum in der Krise