Libellen DortmundBericht über den Vortrag von Brigitte Leyh am 8.6.2017

Beim Themenabend der Lib’ELLEn am 8.6.2017 zeigte Frau Brigitte Leyh, Oberstudienrätin i.R., in ihrem Vortrag „Widerstände gegen die Mädchenbildung im 19. Jahrhundert“ , wie sich über die Jahrhunderte hinweg das Frauenbild entwickelte. So gibt es zwei Varianten der Schöpfungsgeschichte. In der ersten sind Adam und Eva gleichberechtigt, tradiert über die Jahrtausende ist jedoch die 2. Variante: Eva ist die Gehilfin für den Mann, sie ist wegen ihrer Neugier schuld an der Vertreibung aus dem Paradies, und die Strafe, dass sie unter Schmerzen gebären werde, führte tatsächlich im 19. Jahrhundert zu der Diskussion, ob der Gebrauch von Äther bei der Geburt nicht gegen die Bibel sei.

Auch heute noch entlarvt die Sprache den Umgang mit den Frauen. Während der Junge zum Mann (Junge/Mann = Maskulinum) reifte, war es das Mädchen oder das Fräulein (beides Neutrum), das erst durch die Heirat zur Frau (Femininum) wurde. Mädchen waren Mündel ihres Vaters, durch Heirat abhängig und fremdbestimmt vom Ehemann, körperliche Gewalt eingeschlossen. Der Mann hatte die Frau „im Griff zu haben“! Mit der Industrialisierung änderte sich das Frauenbild noch einmal. Der Mann wurde zum „Berufsmenschen und Geldverdiener“. Die bürgerliche Frau musste dem Mann ein gemütliches Heim bereiten, seinen Erfolg nach außen tragen, sollte ein positives Statussymbol sein. Töchter mussten deshalb möglichst eine „gute Partie“ machen.

Da nach damaliger Meinung zu viel Bildung für die Frauen schlecht für deren Gehirn sei, beschränkte sich ihre Bildung auf Lesen, Schreiben, Rechnen, Musik, Gesang, Handarbeiten, Benehmen, französisches Parlieren, alles oft vermittelt von unverheirateten Gouvernanten, die eben diese „Partie“ nicht geschafft hatten, ein Makel, der sie zu dieser Form von Arbeit zwang. Symbol für diese Zeit war auch das Korsett, es sorgte für „niedliches“ Aussehen und zähmte den freien Bewegungsdrang. Hilflosigkeit und demonstrierte Dummheit erhöhten die Heiratschancen, Intelligenz musste getarnt werden.

Noch um 1912 schrieb der Neurologe und Psychiater Paul Julius Möbius eine viel beachtete wissenschaftliche Abhandlung über den „physiologischen Schwachsinn des Weibes“! Und das, obwohl es viele gebildete Frauen gab. Hier seien exemplarisch genannt: Bertha Benz, Hope Bridget Adams, Clara Immerwahr, Margarete Steiff, Bertha von Suttner, Gertrud Hilgendorff, Luise Otto-Peters, Helene Lange, Gertrud Bäumer.

Dennoch wurde nach und nach gegen den damaligen starken männlichen (Experten-) Widerstand gegen das Selbstbestimmungsrecht der Frauen vieles erreicht: Seit 1908 gibt es die Zulassung von Frauen zu Universitäten, ab 1918 das Wahlrecht für Frauen, seit 1948/49 im Grundgesetz den Art. 3, Abs. 2 (durchgesetzt von Elisabeth Selbert, einer der 4 Frauen, die neben 61 Männern das Grundgesetz schrieben). Seit 1977 braucht die Frau nicht mehr die Erlaubnis des Ehemannes in Bezug auf die eigene Berufstätigkeit, seit 1997 gilt die Vergewaltigung in der Ehe als Delikt. Der Weg zur echten Gleichstellung der Frau war lang und steinig, vieles ist geschafft, aber es bleibt noch einiges zu tun, um die „gläserne Decke“ zu durchbrechen, die Frauen oft daran hindert, in Leitungspositionen aufzusteigen und mehr Einfluss zu gewinnen. (Edelgard Dingerdissen)