Liberale Frauen Mecklenburg-VorpommernImagepflege für Deutschland ist zu wenig. Willkommenskultur will authentisch und nachhaltig gelebt werden, sonst verkommt der Begriff zur Worthülse, die Herzen werden kalt.
Der geschäftsführende Landesvorstand der Liberalen Frauen, die Leiterin des Nachbarschaftstreffs Barth und der Vorsitzende des FDP-Kreisverbands Rügen wenden sich deshalb mit einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin und Bundestagsabgeordnete des Wahlkreises Vorpommern-Rügen - Vorpommern-Greifswald, Dr. Angela Merkel:


Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
sehr geehrte Frau Dr. Merkel,

als Landesvorstand der Liberalen Frauen Mecklenburg-Vorpommern, tatkräftig Engagierte bei der Begleitung von Flüchtlingen und Menschen mit Migrationshintergrund wenden wir uns heute an Sie.

Das Image unseres Landes hat sich in den vergangenen Wochen auch dank Ihrer Äußerungen zur deutschen Willkommenskultur generell entscheidend verbessert. Trotzdem und nicht zuletzt deshalb dürfen wir die teilweise sehr schwierige Situation beim Zusammentreffen von Menschen verschiedenster Ethnien und Kulturen in der hiesigen Region nicht außer Acht lassen. Willkommenskultur will authentisch und nachhaltig gelebt werden.

In Ihrem Wahlkreis ballt sich Vieles, das als erschwerend für die Integration von Fremden gilt. Vorpommern ist durch den Zusammenbruch der traditionellen Werften-Industrie nachhaltig geschwächt. Der Landkreis Vorpommern-Greifswald liegt weit vorn unter den Regionen mit den meisten Empfängern staatlicher Unterstützung in Deutschland. 2012 war Mecklenburg-Vorpommern mit 2,1 Prozent das Bundesland mit dem zweitniedrigsten Ausländeranteil, der Landkreis Vorpommern-Rügen mit 1,3 Prozent sogar Schlusslicht innerhalb Mecklenburg-Vorpommerns. Damit scheinen Berührungsängste vorprogrammiert. Aktuell trägt sicher auch der zumindest teilweise Rückzieher der österreichischen Teufelberger nicht dazu bei, die Herzen der ohnehin verunsicherten Hiesigen weiter zu öffnen.

Aus eigenen Erfahrungen wissen wir, dass gleichermaßen das Zusammenspiel der regionalen Behörden im Umgang mit Flüchtlingen wie die Koordination der Tätigkeit von Haupt- und Ehrenamtlichen noch verbesserungswürdig sind. Wir wissen im Übrigen von Behinderungen Ehrenamtlicher, die schon vor der massiven Zunahme von Flüchtlinge in ihrem Umfeld Strukturen initiiert haben, von denen heute ganze Gemeinwesen profitieren.

Wir appellieren daher dringend an Sie in Ihrem Wahlkreis ein Zeichen dafür zu setzen, wie Willkommenskultur von der höchsten politischen bis zur untersten lokalen Ebene Raum greifen und gelebt werden kann und damit selbstverständlich wird. Dies kann durch einen Aufruf geschehen, dass es auch unter den geschilderten hiesigen Voraussetzungen kein Ding der Unmöglichkeit ist als Bürger wie als Gemeinwesen beispielhaft für das ganze Land voranzugehen. Es kann, wie im Stralsunder Tierpark oder im Ozeaneum von Ihnen vorgemacht, durch Patenschaften geschehen oder im Wege einer öffentlichen Sprechstunde. Es gibt vielfältige Möglichkeiten. Wir sind in jedem Falle davon überzeugt, dass es von immenser Bedeutung für den Zusammenhalt in dieser Region ist, wenn die Menschen gerade in der Flüchtlingsfrage und vor Ort spüren, dass Sie bei ihnen sind.

Weitergehend bitten wir sie vor unserem oft binationalen persönlichen Hintergrund, bei der Bewältigung aller Herausforderungen bei der Integration von Flüchtlingen auch das Know-how derer einzufordern, die den interkulturellen Sprung nach Deutschland schon gemeistert haben. Die aktuelle Debatte wird, berechtigterweise, überwiegend aus der Sicht Deutscher geführt, die mit Neuankömmlingen ungewohnter Provenienz zu tun haben. Allerdings birgt die Einschätzung, dass Deutschland (noch) kein Einwandererland ist die Gefahr Probleme zumindest überwiegend oder allein in gewohnten deutschgezen Denk-Kategorien anzugehen. Gerade vor dem Hintergrund, dass inzwischen jeder Fünfte bis Zehnte in Deutschland einen Migrationshintergrund hat, führt dies aber in der Praxis interkulturellen Aufeinandertreffens nicht selten zum Verkennen oder Herabspielen von Konflikten, die sich sonst von vornherein konstruktiv angehen ließen.

Mit freundlichen Grüßen

gez. Karin Rogalska, Landesvorsitzende Liberale Frauen Mecklenburg-Vorpommern und Beisitzerin im Landesvorstand der FDP Mecklenburg-Vorpommern, Mitglied des Wirtschaftsrats der CDU, Stralsund

gez. Doreen Breuer, stv. Vorsitzende Liberale Frauen Mecklenburg-Vorpommerns, Stralsund

gez. Cécile Bonnet-Weidhofer, Beisitzerin Landesvorstand Liberale Frauen Mecklenburg-Vorpommerns und stv. FDP-Landesvorsitzende Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin

gez. Karoline Preisler, Leiterin Nachbarschaftstreff Barth

gez. Sven Heise, Vorsitzender FDP-Kreisverband Rügen